Du bist mehr als Deine Meinung

 

Zu einer Kommunikationskultur jenseits der Polaritäten

von Anne-Michèle Hambye

Wenn man sich umschaut, lässt sich leicht eine Besonderheit dieser Coronakrise erkennen. Es sind die Beziehungen zwischen Menschen, die in erster Linie leiden. Wenn wir über das Verhältnis zwischen dem Leiden aufgrund einer Krankheit oder aufgrund des Fehlens oder Zusammenbruchs von Beziehungen sprechen, welche Form von Leiden herrscht vor? Angst vor Begegnung, Angst vor einem anderen Standpunkt oder sogar Angst andere zu töten. Diese Situation führt auch häufig zu Spaltungen innerhalb von Familien, zwischen Kollegen und Freunden. Pro Covid und contra Covid, pro Maske und contra Maske, pro Impfung und contra Impfung. Meinungen prallen gegeneinander und die Menschen in ihrer Pluralität finden keinen konstruktiven Dialog mehr.

 

Alle renommierten Wissenschaftler, welche die bzgl. Corona ergriffenen Maßnahmen in Frage stellen, sitzen nicht am runden Tisch der Regierungen. Beleidigungen, Verleumdungen und Diskriminierungen nehmen zu. Nach und nach werden diejenigen, die viel Erfahrung haben und Fragen stellen an den Rand gedrängt. Kampfbegriffe wie Covidiot, Verschwörungstheoretiker, Sekte, asozial, … klassifizieren die Individuen, ohne ihnen Raum zu lassen, um auf Grundlage der Fakten in einen echten Dialog zu treten. Auf der Straße sehen wir auch Szenen, in denen Menschen beleidigt werden, weil sie vergessen haben ihre Masken zu tragen. Ein Nachbar oder ein Kollege denunziert einen anderen, da er allein in seinem Büro die Maske unter der Nase trug. Wo sind wir angekommen und was können wir tun? Wie können wir Beziehungen wiederherstellen?

 

Für diejenigen, die durch ihren Standpunkt an den Rand gedrängt werden, stellen sich diese Fragen umso mehr. Können wir ein Gespräch eröffnen, das über bloße Meinungen und Überzeugungen hinausgeht? Können wir eine Ebene der Kommunikation eröffnen, die sich nicht nur allein in Gegensätzen, im Gegeneinander, in der Polarität bewegt? Gibt es eine Ebene, die die Menschen wieder verbindet und dadurch auch den Gesundheitszustand im Allgemeinen erhöht?

 

In der Praxis kann man sich vorstellen, dass zwei gegensätzliche Pole miteinander kollidieren und ein dritter sie verbindet. Woraus besteht dieser dritte Pol? Wenn eine Person, sich im Leben ein Thema herausgearbeitet hat, ein Thema das eine gute praktische und fachliche Grundlage besitzt und zugleich von einem Ideal – einem bleibenden Wert – getragen ist, so kommt diese Person leichter ins Gespräch. Ihre Fachkenntnis erlaubt ihr beweglich mit dem Thema umzugehen, auch ihre Wahrnehmungen zu der Sache sind differenzierter und feiner und dadurch entsteht eine sachliche Basis für Gespräche. Dogmen oder Vorurteile weichen leichter zurück. In den Gesprächen des alltäglichen Lebens oder bei fachlichem Austausch kann dieses Thema eine neue Dimension offenbaren, die der andere nicht nur pauschal wahrnimmt, sondern darüber hinaus von einem Entwicklungsgedanken getragen ist: Beide Gesprächspartner lernen unmittelbar das Thema zu erforschen, sie lernen den anderen genauer kennen. Diese Aktivität führt meiner Erfahrung nach immer zur Verbindung. So könnte man von bleibendem Wert sprechen. Das Tragen der Maske mit Überzeugung oder das Nicht-Tragen in der Provokation im Sinne eines Meinungskampfes stellt noch keinen bleibenden Wert da.

Die Arbeit an einem Thema, welches von einem bleibenden Wert getragen ist, und dann recht praktisch im Leben umgesetzt wird, wurde von Heinz Grill, der als spiritueller Forscher arbeitet, wie folgt beschrieben.

 

“Indem eine ehrliche und von einem Ideal getragene Dimension bei gleichzeitiger inhaltlicher Wirksamkeit entsteht, kann grundsätzlich ein geistiger Keim zum Erkraften gebracht werden. Es ist aber tatsächlich der Streit auf der äußeren Ebene zu nivellieren bzw. zu relativieren, denn es handelt sich in der gesamten Entwicklungsfrage niemals um ein Gewinnen oder Verlieren, es handelt sich immer um ein Erkraften und um eine Errungenschaft, um eine neue Dimension, die die bisherige verbessert.” Heinz Grill

 

Kehren wir zum Beispiel der Maske zurück und stellen wir uns vor, zwei Personen begegnen sich und sie begegnen sich so, dass sie den anderen als Mensch nicht mehr wahrnehmen. Der Eine nimmt lediglich wahr, dass der Andere keine Maske trägt, es entflammen vielleicht Ängste und Abwehrreaktionen. Der Andere nimmt nur die Hälfte des Gesichtes des Ersten wahr, bald regen sich bei diesem die Emotionen: „… nichts verstanden, Schafe, gehirngewaschen vom Mainstream, …“. Beide projizieren mit großem Schwung auf den jeweils anderen. Die Argumente, dass der Mund-Nasen-Schutz vor einem Virus wirklich schützt und dass die Personen, die sie nicht tragen asozial sind, sind sehr verbreitet. In den Medien erhitzen die Schlagzeilen diese Emotionen. Nur wer viele Texte sorgfältig liest wird merken, dass diese Informationen Kontroversen auch unter den Wissenschaftler hervorrufen. Die Argumente ‚Pro und Contra‘, trennen in unserer Zeit auf extremste Weise Menschen.

 

Im Grunde genommen suchen alle Menschen wirkliche, seelische Verbindungen – mit Maske oder ohne Maske. Nun ist es die Kunst über die Ängste und Dogmen hinaus diese Verbindungen neu zu schaffen. Diese zwei Personen begegnen sich und kommen in eine Diskussion. Sie vertreten ihre polaren Standpunkte. Welches Thema könnte sie verbinden oder für alle interessant sein? Beim Disput über die Maske sind sich alle einig, dass ein realer Mangel an Luft schon bei wenigen Minuten des Tragens entsteht. Normalerweise ist die Luft und ihre Qualität ein sehr präsentes aber wenig beachtetes Phänomen. Die Atmung und die Luft ist ein Thema, das über die gegensätzlichen Meinungen hinaus, alle Personen betrifft.

 

Bewegt der einzelne einen Arm seitlich in die Weite, so erlebt er die Bewegung dank der Luft, die ihn umgibt. Die Luft erlaubt ihm das Empfinden zur Bewegung. Man kann sagen, dass die Luft nicht nur ein Vehikel für den Transport von Sauerstoff und Stickstoff ist, sondern auch ein Stoff ist, der Empfindungen transportiert. In diesem Sinn ist sie auch das Element welches das Individuum mit seinen eigenen Bewegungen verbindet.

 

Spricht man mit einem anderen, so ergeben sich ebenso Luftbewegungen, aber auch Bewegungen des Bewusstseins der einen Person zu der anderen. Dieser sensible Stoff, der unseren Körper ständig umgibt, ist für das Leben unverzichtbar. Er trägt darüber hinaus auch die Qualität menschlicher Beziehungen. Es ist kein Zufall, dass man sagt. „Da liegt etwas in der Luft!“ Ist der Mensch mit seinen Gedanken und Gefühlen in irgendeiner Weise derjenige, der die Qualität der Luft bestimmt? Untersuchen zwei Gesprächspartner das Phänomen Luft und machen es zum Gesprächsthema, könnten sie ihre polaren Positionen um die Maske flexibler gestalten und vielleicht Verbindungen im Sinne eines Aspektes der beide interessiert, schaffen. Das erste Erleben der Wahrheit zum Thema der Luft, könnte auch das Erleben der Wahrheit im Bezug zum Tragen der Maske erleichtern.

 

Während einer hitzigen Diskussion, bei der eine Sichtweise gegen die andere stößt – pro Maske – contra Maske – wäre die Fähigkeit im richtigen Moment den Dialog zu einem Thema zu führen, das jeder vertiefen und gemeinsam betrachten kann, ein Schlüssel zur Schaffung neuer Beziehungen. Die Luft sei hier nur einmal als Beispiel genannt. Andere Werte wie bspw. Gewaltlosigkeit, Menschenwürde, die Gesundheit in ihrer Ganzheit, usw. könnten Menschen verbinden.

 

Dieser dritte und verbindende Pol ist nicht das Ergebnis eines Zufalls, sondern einer Form von Arbeit, einer philosophischen Vertiefung. Das Thema, das sich der Einzelne aneignet durch eigenständiges Studium, durch Beobachtung des Lebens und durch Vergleiche verschiedener Situationen, gibt dem Einzelnen einen besseren Stand jenseits starrer Positionen. Sehr oft empfangen wir Nachrichten und Information, pro und contra. Indem wir Zeit damit verbringen uns mit einem Thema, das nicht alleinig durch Aktualität gegeben ist, sondern uns mit einem Thema, das eine Art dauerhaften Wert beinhaltet, auseinanderzusetzen, könnten wir unseren Beziehungen eine neue Qualität verleihen und eine neue Form der Kommunikationskultur eröffnen. Diese Arbeit, ein Thema zu erkunden und es konkret zu erarbeiten, sodass umsetzbare Vorstellungen entstehen, ist schön, weil es nur individuell geschehen kann. Wir könnten die Emotionen um die Corona-Krise, die einzig und allein die Gemüter noch bewegen, anheben, wenn wir in unseren Gesprächen immer mehr in der Lage sind, einen bleibenden und tieferen Gedanken gemeinsam darin bewegen und platzieren lernen.

 

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