Der den ganzen Menschen verschönernde Mut zur Entwicklung

Yoga sollte den Menschen veredeln. Allgemein sollte eine sinnvoll gewählte mentale wie auch körperliche Aktivität den Menschen in seiner Gesamtheit nicht in Einseitigkeiten, Verausgabungen oder Verhärtungen führen, sondern gegenteilig neue Lebenskräfte erbauen, Entwicklungsräume eröffnen und den Menschen auf richtig verstandene Weise formen, gestalten und damit sogar verschönern.

Es ist dies tatsächlich wahr: Lernt der Mensch auf eigenaktive, nicht-konsumierende Weise sein Bewusstsein zu gebrauchen und es im besten Sinn sogar zu geeigneten, wertvollen Lebenszielen und universal gültigen Idealen hinzuwenden, diese bis in die Tiefe zu durchdringen, so erbaut sich seine Gesundheit auf gänzlich neue Weise. Es ist dies wie eine Art Geburtsprozess zu sehen, der die Behäbigkeit des Alten übersteigt. Der Mensch erlebt sich unmittelbar in der aktiven Entwicklung.

In diesem wertvollen Vorgang einer eigenaktiven Hinwendung und Auseinandersetzung z.B.mit einer Meditations- oder auch Körperübung oder auch mit einer inspirativen Schrift, beginnt sich der Mensch zu formen, er gestaltet sich. Nicht undifferenzierter, verklumpter oder nebulöser sollte der Mensch in der Auseinandersetzung mit einem ganzheitlichen Übungs- und Entwicklungsweg werden, sondern tatsächlich klarer, differenzierter und geformter. Dies sowohl auf körperlicher, als vor allem auch auf der Seelen- oder Bewusstseinsebene.

Es sind diese Gedanken meines Erachtens durchaus erwähnenswert, weil – auch wenn Vieles im Wandel begriffen ist – der Mensch im wirkenden Zeitgeist des Materialismus mit seinem – ich nenne es mal – Schlund nach persönlicher Sicherheit, Meinung und Behaglichkeit – die eigentliche Beziehung zu ‚den Dingen‘ oftmals gänzlich verloren hat Übungen nur noch nach dem persönlichen Nutzwert bewertet, gebraucht, ohne diese wirklich in ihrer Dimension zu kennen.

Wenn wir aber den heute seltenen oder leider auch sehr emotional überlagerten Begriff der Seele nehmen und ihr innerstes Grundbedürfnis benennen, so wäre dies: Entwicklung, Verbindung und erschaffendes Tätigsein aus ihren eigenen, innersten Kräften und Motiven heraus. Die Seele – so bspw. Heinz Grill – sucht die Tiefe des Erdendaseins und eine wahre Verbindung zu den Mitmenschen und gleichzeitig eine Verbindung zum Kosmos und damit zu einer Universalität.

Schließlich soll nach dem leider fast verkümmerten Begriff der Seele noch der ebenso unterernährte Begriff des Geistes oder der Spiritualität genannt werden. Spiritualität wäre für unsere Zeit eine tiefe Notwendigkeit. Eine Auseinandersetzung, Hinwendung zur Spiritualität aber nicht im Kleide des Alten, nämlich des Konsums, des bequemen Sich-Einverleibens oder von leblos gewordenen Ritualen, sondern Spiritualität sollte in ihren verschiedensten Ausdrucksformen, Gesetzmäßigkeiten und wirklichen geistig-realen Inhalten kennengelernt und wie erwähnt aus seelisch-aktiver Regsamkeit lebendig studiert und nach persönlicher Fähigkeit und Intention durchdrungen und bewegt werden. Spiritualität sollte durch den Menschen seinen Ausdruck, seine Ausgestaltung finden. Spiritualität und Individualität müßten sich auf schöpferische Weise durchdringen.

Es ist dies etwas, wozu es die Individualität des Menschen braucht und damit auch den Mut zur forschenden Auseinandersetzung, man könnte auch sagen, den Mut zur Entwicklung. Mut auch deswegen, weil dabei manche Bindung, manches Muster losgelassen und verwandelt werden muss. Nicht, wie es in den Evangelien heißt, in den alten Schläuchen kann sich der neue Wein der Spiritualität einverleiben lassen, nein es bedarf wie erwähnt einer unabdingbaren ja schöpferischen Regsamkeit unseres eigenen Wesens, damit eine wirkliche Neuerung und Entwicklung möglich wird. So manche Emotionen oder auch Ängste können sich hier zu bestimmten Zeiten auftürmen und zur Flucht in unendliche Kompensationen führen. Der Mensch hat aufgrund seiner vielen Bindungen und Abhängigkeiten heute mehr denn je Angst vor wahrer Spiritualität, vor dem tatsächlich Geistigen. Es stellt diese reine Wirklichkeitsebene für den heute oft allzu bequemen Erdenbürger vielfach eine Bedrohung dar. Wenn wir es personifizieren und die Bindungen sprechen ließen würden sie wohl sagen: ‚Dies musst du verurteilen, weil dein ganzes, bisheriges und so sicheres Leben in Frage gestellt wird. Das darf nicht sein.‘ Wir kennen dies, um bei den Evangelien zu bleiben, vom Bild der Gelehrten und Hohenpriester.

Sehr viele Menschen sind heute für Spiritualität weniger empfänglich, weil sie in ihrem gesamten Leib-Seele-Gefüge verhärteter geworden sind. Und gleichzeitig macht wirkliche Spiritualität, wenn diese nicht als Wellnessartikel oder abstrakt intellektuell verwendet wird, wie erwähnt, vielen Menschen unbewusst Angst. Sie erleben diese als Bedrohung ihres bisherigen Lebensverständnisses, ihrer sicheren Meinung und Position. Daher braucht es Mut zur Spiritualität, Mut zur Entwicklung, Mut zur Individualität. Diese formt, gestaltet und verschönert den ganzen Menschen und vor allem auch das Menschsein.